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Nell-Breunig-Berufskolleg


Prof. Rauscher, SJ

Ansprache bei der Namensgebung
"Nell-Breuning-Berufskolleg für Wirtschaft und Verwaltung in Haus Rheinfrieden"

Sehr geehrte Festgäste,
verehrte Lehrende und Lernende!

In der Einladung zum heutigen Festgottesdienst und zum Festakt heißt es: "Wir wollen unserer Berufsfachschule für Wirtschaft und Verwaltung in Bad Honnef-Rhöndorf einen neuen Namen geben, der für unsere Bildungsarbeit Programm sein soll." Die Berufsfachschule wird in Absprache mit der Norddeutschen Ordensprovinz der Jesuiten künftig den Namen "NellBreuning-Berufskolleg für Wirtschaft und Verwaltung" tragen.

Wer war Nell-Breuning, dessen Name von nun an Programm für die Arbeit dieses Berufskollegs sein soll? Welches sind die "großen historischen Leistungen", die ihn als "Nestor der katholischen Soziallehre" ausweisen? In der Tat gehört der Jesuit Oswald von Nell-Breuning zu den markanten Persönlichkeiten Deutschlands und in Sonderheit des deutschen Katholizismus in diesem Jahrhundert. Er hat wesentlich zum Auf- und Ausbau der katholischen Soziallehre beigetragen und nach 1945 die Neugestaltung der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse in der Bundesrepublik Deutschland mitgeprägt.

Oswald von Nell-Breuning wurde am 8. März 1890 in Trier geboren. Nach der Volksschule besuchte er das Humanistische Friedrich-Wilhelm-Gymnasium in Trier. 1835 hatte hier auch Karl Marx die Reifeprüfung abgelegt. Der Vater Arthur von Nell war Erster Beigeordneter der Stadt Trier, zugleich Besitzer und Verwalter eines großen Landgutes. Die Mutter Beinharda, geborene von Breuning, stammte aus einer angesehenen Familie. Ihr Vater war Landgerichtspräsident in Köln, später in Koblenz, und mit König Wilhelm 1. bekannt. Der zusätzliche Namensbestandteil Breuning wurde dem Stammhalter vom König von Preußen verliehen, um das Aussterben des Namens zu vermeiden. Auch wenn Nell-Breuning wenig Wert auf seine adelige Abkunft zu legen schien, so behielt er das Adelsprädikat bis zu seinem Tode bei.

Schon frühzeitig hatte der junge Mann den Wunsch verspürt, Priester zu werden, wozu die Atmosphäre im Elternhaus und die religiös-kirchliche Ausrichtung der Schule beigetragen haben. Nach dem Abitur 1908 wandte sich von Nell-Breuning zunächst vier Semester lang mathematisch-naturwissenschaftlichen Studien zu. Er hörte Vorlesungen an den Universitäten in Kiel, München, Straßburg und Berlin. Damals machte er Bekanntschaft mit Ludwig Wolker in München der ihn zu Veranstaltungen in Arbeiterkreisen mitnahm, ebenso mit dem späteren "Arbeiterapostel" in Berlin Carl Sonnenschein, der beim Volksverein für das katholische Deutschland in Mönchengladbach arbeitete und 1908 das Sekretariat Sozialer Studentenarbeit (SSS) gründete. Nell-Breuning, der- für soziale Fragen von Haus, aus Anlagen und Interesse mitbrachte, erhielt durch diese Begegnungen wichtige Anstöße.

1910 begann er in Innsbruck mit dem Studium der Philosophie und Theologie. 191 1 trat er in den Jesuitenorden ein. Damit verband er, wie er später schrieb, die Hoffnung, daß dieser Orden "ihm die erforderliche Reife und charakterliche Durchformung" ermöglichen würde. Der Orden war im Kulturkampf verboten und die Jesuiten ins Ausland vertrieben worden. Deshalb machte von Nell-Breuning das zweijährige Noviziat in 'sHeerenberg in den Niederlanden. Daran schloß sich das Philosophiestudium an der Ordenshochschule in Valkenburg an. In den ersten beiden Kriegsjahren tat von Nell-Breuning Dienst in einem Malteser-Lazarett-Trupp. Von 1916 bis 1919 folgten drei Jahre des Praktikums am Jesuitenkolleg "Stella Matutina" in Feldkirch in Vorarlberg. Anschließend setzte er die theologischen Studien in Innsbruck fort, wo er 1921 zum Priester geweiht wurde.

Die Ordensoberen hatten den Jesuiten dazu bestimmt, das Lebenswerk von Pater Heinrich Pesch, des Begründers des christlichen Solidarismus, fortzuführen. Die breit angelegte Untersuchung "Liberalismus, Sozialismus und christliche Gesellschaftsordnung" und vor allem das fünfbändige Hauptwerk "Lehrbuch der Nationalökonomie" hatten ihn bekannt gemacht. Ökonomie und Ethik hatten sich in der Moderne auseinandergelebt; Pesch erkannte die Notwendigkeit, beide Bereiche wieder zusammenzubringen. Bei der ersten Begegnung mit Pater Pesch im Jahre 1923 in Berlin erklärte von Nell-Breuning, es werde eine wichtige Aufgabe sein, die fünf Bände in einem Band zusammenzufassen. Pesch reagierte verärgert und lehnte ihn als Nachfolger ab. Die Wege Gottes sind bisweilen eigenartig.

Von Nell-Breuning arbeitete 1923 bis 1926 in einer Rednergruppe mit, die von Düsseldorf aus in Deutschland Vorträge zu religiösen und sozialen Fragen hielt. 1926 begab er sich nach Münster, um bei dem angesehenen Moraltheologen Josef Mausbach zu promovieren und sich auf die Professur für Moraltheologie an der in demselben Jahre gegründeten Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt a. M. vorzubereiten. Seine Dissertation behandelte das Thema "Grundzüge der Börsenmoral". Die Untersuchung wurde 1928 veröffentlicht - im Vorfeld des New Yorker Börsenkrachs (1929), der eine ungeheure internationale Wirtschaftskrise mit vielen Unternehmenszusammenbrüchen und explodierender Arbeitslosigkeit in Nordamerika und in Europa auslöste.

Als sich Papst Pius M. 1930 entschloß, der wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Krise entgegenzutreten und aus Anlaß des vierzigsten Jahrestages der Sozialenzyklika Rerum novarum eine weitere zu veröffentlichen, wurde Nell-Breuning vom Jesuitengeneral Ledöchowski beauftragt, einen Entwurf zu erarbeiten. Dabei kam ihm zugute, daß der Generaldirektor des "Volksvereins" und spätere Aachener Bischof Josef van der Velden im Jahre 1930 den sogenannten Königswinterer Kreis ins Leben gerufen hatte. Ihm gehörten angesehene katholische Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler an. Sie sollten die Ursachen der Wirtschaftskrise analysieren, die Strukturen der damaligen Klassengesellschaft offen legen und über Wege nachdenken, wie die Arbeitslosigkeit und die Klassengegensätze überwunden werden konnten.

„Der lehrhafte Teil der Enzyklika“, schrieb von Nell-Breuning später, „enthält zwar nicht alles, was ich hineinbringen wollte, aber - von einigen ‚aufgesetzten Lichtern‘ abgesehen - nichts, was nicht mein geistiges Eigentum wäre.“ Dazu gehören besonders die Partien, die sich mit dem Privateigentum und seiner sozialen Pflichtigkeit, mit der Frage des gerechten Lohnes, mit dem Anliegen der Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand und mit der Ordnung der Wirtschaft befaßten. Auf Gustav Gundlach, als dessen "gelehrigen Schüler" sich von Nell-Breuning später bekennt und zu dem er "mit Dankbarkeit und Bewunderung" aufblickt, gehen die Klärung des Verhältnisses von Arbeit und Kapital, die Formulierung des Subsidiaritätsprinzips und die Feststellung der Unvereinbarkeit der sozialistischen und der christlichen Gesellschaftsauffassung zurück. 1932 veröffentlichte von Nell-Breuning seinen klassischen Kommentar "Die soziale Enzyklika", in dem das Anliegen und die Zielvorstellungen in geradezu autoritativer Sprache beschrieben sind. Ohne Zweifel markiert der Entwurf zu Quadragesimo anno den nachhaltigsten Beitrag zur Entwicklung der katholischen Soziallehre.

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 hielt Nell-Breuning zusammen mit Gustav Gundlach ein Jahr lang jeden Samstagnachmittag für die Priester der Diözese Limburg und für die Theologiestudenten Vorlesungen in katholischer Soziallehre. Beide Jesuiten lehnten den Nationalsozialismus ab. Sie forderten den Zorn der braunen Machthaber heraus. Gundlach mußte 1934 Deutschland verlassen; Nell-Breuning stellte seine wissenschaftlichen Veröffentlichungen ein.

Neben seiner Professur trug er von 1931 bis 1946 die Verantwortung für die Finanzen der Niederdeutschen Provinz. 1936 wird gegen Nell-Breuning von den Nationalsozialisten ein Ermittlungsverfahren wegen angeblicher Devisenvergehen eingeleitet. Allerdings wurde die Anklage vor dem Sondergericht in München erst sieben Jahre später, Ende 1943, erhoben. Weil in dem Verfahren seine Unschuld zutage trat, wurde er kurzerhand wegen seines. Mißtrauens gegen den nationalsozialistischen Staat" zu einer Geldstrafe von RM 500.000 und zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt, die er jedoch nicht verbüßte. Nach Kriegsende wurde das Urteil aufgehoben. Mit Genugtuung wies Nell-Breuning auf den Mut "seiner" Katholisch-Theologischen Fakultät in Münster hin. Als diese damals aufgefordert wurde, ihm den Doktorgrad zu entziehen, hat sie dies einfach unbeachtet gelassen.

Nach dem Zusammenbruch der Hitler-Diktatur und nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges begann die Phase höchster wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Aktivität. 1947 bis 1950 brachte Nell-Breuning zusammen mit Hermann Sacher das fünfteilige "Wörterbuch der Politik" heraus. Es bildete eine Fundgrube für alle, die in der Stunde des totalen Zusammenbruchs nach tragfähiger Orientierung suchten. Er schrieb darin viele Grundsatzartikel zu den Wertbereichen der katholischen Soziallehre. Er legte dar, was darunter zu verstehen ist, was ihr Fundament und ihre Erkenntnisquellen sind, worin sie sich von der (Sozial-) Ethik und von der Politik unterscheidet, wie das Verhältnis zwischen christlicher Gesellschaftslehre und den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften zu sehen ist, wie weit ihr Geltungsanspruch reicht und wo ihre Grenzen liegen. Er engagierte sich besonders in der Erklärung dessen, was Solidarität und was Subsidiarität beinhaltet. Er bekannte sich zum "Solidarismus" als der Gesellschaftsauffassung, die sich aus der christlichen Sicht des Menschen und der Gesellschaft ergibt. Das Wörterbuch war besonders wichtig, weil die bis 1933 entwickelte christlich-soziale Reflexion und Praxis weithin abgebrochen war und keine umfangreiche Literatur für das Gebiet Glaube und Welt, Kirche und Gesellschaft zur Verfügung stand.

Nell-Breuning hatte die Fähigkeit, die "Prinzipien" so einleuchtend darzustellen, daß sie von interessierten Hören und Lesern auch verstanden wurden. Ihm kommt das Verdienst zu, die Sozialenzykliken Rerum novarum und Quadragesimo anno und die Sozialverkündigung Papst Pius XII in Deutschland wie kein anderer verbreitet zu haben. Darüber hinaus hat er sich in zahlreichen Beiträgen mit den vielen Aufgaben und Problemen, die der Wiederaufbau der wirtschaftlichen und sozialen Strukturen in der Bundesrepublik Deutschland mit sich brachte, auseinandergesetzt und Lösungen auf dem Fundament der katholischen Soziallehre entwickelt. Die drei Bände des Sammelwerks "Wirtschaft und Gesellschaft" die von 1956 bis 1960 erschienen sind, geben Aufschluß darüber, wie intensiv er sich mit der Neugestaltung der Wirtschaftsgesellschaft, mit Fragen des Lastenausgleichs und des gerechten Lohnes, der Sozialpolitik, der Gewerkschaften und des Streikrechts, der Wohnungsnot, der Vermögenspolitik und der Unternehmensverfassung befaßte.

Es war ihm ein vordringliches Anliegen, daß die vor 1933 herrschenden kapitalistischen Betriebs- und Unternehmensstrukturen nicht mehr wiederkehrten, sondern eine neue Ordnung geschaffen wurde, in der die Arbeitnehmer mehr und mehr in die Industriegesellschaft integriert und gleichberechtigte Partner mit den Arbeitgebern bei der Regelung der Arbeits- und Lohnverhältnisse sind.

Kein Wunder, daß sein Wissen und sein Rat gefragt waren. 1948 erhielt er einen Lehrauftrag für Wirtschafts- und Sozialethik an der JohannWolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt/Main, die ihn 1956 zum Honorarprofessor für Philosophie der Wirtschaft ernannte. Von 1948 bis 1965 war er Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats zunächst bei der Verwaltung für Wirtschaft, nach Bildung der Bundesregierung beim Bundesministerium für Wirtschaft. Man schätzte seinen Sachverstand, seine gründlichen Analysen und seine durchdachten Vorschläge zum Aufbau und zur Ausgestaltung der sozialen Marktwirtschaft, auch wenn er bisweilen unbequem war. Von 1950 bis 1958 war er stellvertretender Vorsitzender des wohnungswirtschaftlichen Beirats beim Bundesministerium für Städtebau und Wohnungswesen. Für kurze Zeit von 1959 bis 1961 gehörte er auch dem Beirat beim Bundesministerium für Familien- und Jugendfragen an. Schon frühzeitig wies von Nell-Breuning ebenso wie Wilfrid Schreiber auf die Bedeutung der Drei-Generationen-Solidarität hin, auch, wenn die Familienpolitik lange Zeit auf Sparflamme gehalten wurde.

Zu den katholischen Verbänden, besonders zur Katholischen Arbeitnehmerbewegung hatte von Nell-Breuning Kontakt, hielt Vorträge und schrieb Artikel, um sie in ihrer Aufgabe zu bestärken. 1949 nahm er an der Gründungsversammlung des Bundes Katholischer Unternehmer (BKU) teil. Er hatte erkannt, daß der soziale Katholizismus nicht nur die katholischen Arbeitnehmer, sondern ebenso die katholischen Unternehmer für die Gestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft gemäß den Normen der Gerechtigkeit und der Solidarität gewinnen müsse. Das ihm angetragene Amt des Geistlichen Beraters schlug er jedoch aus und brachte dafür den katholischen Sozialwissenschaftler und späteren Kölner Kardinal Joseph Höffner ins Gespräch. Von 1953 bis 1955 war er Berater des Zentralverbandes Deutscher Konsumgenossenschaften.

Ein besonders enges Verhältnis entwickelte von Nell-Breuning zu den Gewerkschaften. Er befürwortete die Einheitsgewerkschaft und tat alles, um ein Wiederaufleben der Richtungsgewerkschaften zu verhindern. Von Anfang an beriet er den Deutschen Gewerkschaftsbund unter der Führung von Hans Böckler und des Vorsitzenden der IG-Metall Otto Brenner. Während sein Mitbruder Gundlach in Rom der Einheitsgewerkschaft eher skeptisch gegenüberstand -'die auch in Italien gebildete Einheitsgewerkschaft war kurz darauf wieder auseinandergebrochen -, vertrat von Nell-Breuning die These, daß sich die Einheitsgewerkschaft auf die Interessenvertretung der Arbeitnehmer konzentrieren, weltanschaulich neutral und (partei)politisch nicht nur "unabhängig", sondern "tolerant" sein müsse. Damals war die Führung des DGB darauf bedacht, die christlichen Arbeitnehmer nicht vor den Kopf zu stoßen. Eine der drei gewerkschaftlichen Bildungsakademien sollte das christlich-soziale Ideengut vermitteln. 1949 erhielt von Nell-Breuning einen Lehrauftrag an der Akademie der Arbeit in Frankfurt.

Als 1953 der sozialistische Flügel drauf und dran war, den DGB auf die Linie der marxistischen Klassenideologie zurückzuführen, erhob von Nell-Breuning seine Stimme gegen Viktor Agartz, den Exponenten dieser Richtung. Seine Entlassung konnte die Wiederbegründung der Christlichen Gewerkschaften nicht mehr verhindern, zumal die vom DGB ausgegebene Losung "Für einen besseren Bundestag" viele christliche Arbeitnehmer, die politisch in den christlichen Parteien beheimatet waren, verletzte. Wenn jedoch die Christlichen Gewerkschaften nicht mehr so recht, Tritt fassen konnten, dann lag dies einerseits daran, daß die DGB-Führung den ideologischen Streit zurückdrängte, andererseits an der engagierten Verteidigung der Einheitsgewerkschaft durch von Nell-Breuning. Er konnte allerdings nicht verhindern, daß der christliche Einfluß in den DGB-Gewerkschaften immer weiter zurückging.

Weil die Gewerkschaften auf ihn hörten, konnte er ihnen gelegentlich auch unangenehme Wahrheiten sagen. Als er 1980 den Hans-Böckler-Preis vom DGB entgegennahm, wies er darauf hin, daß man den Arbeitgebern unter bestimmten Umständen die Möglichkeit zur Aussperrung zugestehen müsse. In ähnlicher Weise griff er 1984 auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung um die 35-Stunden-Woche, die die IG-Metall "mit vollem Lohnausgleich" durchsetzen und diese Forderung auch noch mit Blick auf die hohe Arbeitslosigkeit begründen wollte, in die Diskussion ein und mahnte:

"In die Sprache des Angebots übersetzt lautet das so: 'Wir sind so gnädig, euch fünf Arbeitsstunden zu überlassen, aber - wohlverstanden! - der Lohn für diese Stunden bleibt bei uns; ihr tut die Arbeit, das Geld, den Lohn dafür behalten wir.' Ein solches Angebot kann man doch nur als Hohn empfinden; eine solche Haltung ist klassenkämpferisch, ausgesprochenermaßen Klassenkampf von oben, nicht der 'Produktionsmittelbesitzer' gegen die von Produktionsmittelbesitz entblößtem 'Nur-Lohnarbeiter', sondern der Klasse der Arbeitsplatzbesitzer gegen die Klasse der vom Arbeitsplatzbesitz entblößtem 'Nur-Arbeitslosen.'

Ein wichtiger Gesprächspartner war für Nell-Breuning seit den fünfziger Jahren Georg Leber, der langjährige Vorsitzende der Gewerkschaft Bau Steine - Erden und einer der wenigen praktizierenden Katholiken in der damaligen Führung der SPD. Nell-Breuning schrieb zahlreiche Artikel über die Notwendigkeit der Beteiligung der Arbeitnehmer am Produktiveigentum. Er setzte sich leidenschaftlich für die "Eigentumsbildung in Arbeiterhand" ein, um eine gerechte Vermögensverteilung zu erreichen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb damals: "Er ist von einem ungewöhnlichen sozialen Gerechtigkeitssinn und von der Liebe zu den Armen in den dunklen Bereichen unserer scheinbar so glänzenden Welt getrieben." Er förderte nach Kräften den Gedanken des Investivlohns. Georg Leber, der vermögenswirksame Leistungen in den Tarifvertrag einbaute, konnte auf seinen Rat und die tatkräftige Unterstützung zählen. Mit seinen kreislauftheoretischen Überlegungen, die in der 1957 erstmals vorgetragenen These "Spare n ohne Konsumverzicht" ihren Schwerpunkt hatten, erregte von NellBreuning das Interesse breiter Kreise, gerade auch in den Wirtschaftswissenschaften.

Am meisten wirksam wurde Nell-Breuning über sein Schrifttum. In ungebrochener Schaffenskraft hat er bis zu seinem Tode die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen verfolgt und in Artikeln, Monographien, Lexikonartikeln, Rezensionen Stellung bezogen. Wenn es galt, ein Buch zu besprechen, so erfolgte seine Rezension meist früher als die anderen, wodurch er die Meinungsbildung beeinflußte. Im Jahr 1970, als er den 80. Geburtstag feiern konnte, verzeichnen die gedruckten Bibliographien 1.288 Titel. Bis zu seinem Tode kamen noch mehrere hundert Beiträge hinzu. Die Mehrzahl der Publikationen behandeln aktuelle Fragestellungen aus der Theologie und Sozialethik, aus den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften.

Möglich wurde diese Lebensleistung nicht nur dank einer robusten Gesundheit, sondern auch durch eine eiserne Disziplin. Wenn er nicht zu Vorträgen, Kongressen oder Sitzungen von Beiräten unterwegs war, ging er jeden Morgen zu Fuß ins Offenbacher Theresienheim, um mit den Ordensschwestern und den Kindern die hl. Messe zu feiern. Es gab kaum einen Tag, den er nicht mit der Feier der hl. Messe begonnen hätte. Der Tagesablauf war geregelt. Er begann mit dem Aufräumen seines Zimmers; dann folgte die wissenschaftliche Arbeit. Bis ins hohe Alter tippte er seine Beiträge selbst auf der Schreibmaschine, ebenso seine Briefe, in denen er meist ohne Umschweife zur Sache kam. Er hielt die Essens- und Rekreationszeiten des Kollegs ein. Man sah ihn nie anders als im Römerkragen.

An seinem 90. Geburtstag ehrte die Deutsche Bischofskonferenz den Jubilar. Der Vorsitzende, Kardinal Joseph Höffner, zelebrierte mit ihm den Festgottesdienst im Kölner Dom und sagte in der Predigt: "Unser verehrter Jubilar hat stets heftig reagiert, wenn die Gerechtigkeit und die Menschenwürde verletzt wurden. Dann verließ ihn sein trockener Humor und seine Sprache wurde scharf"

1990 konnte von Nell-Breuning seinen 100. Geburtstag feiern. Der Bundespräsident Richard von Weizsäcker verlieh ihm das Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Viele Persönlichkeiten mit Rang und Namen waren zur Festakademie nach Sankt Georgen gekommen. Seine Dankesrede, in der er auch von seinem Einsatz für die Belange der katholischen Arbeiter gesprochen hatte, endete mit dem Satz: " Ich rechne aber fest darauf, daß diese katholischen Arbeiter ... durch ihre Fürsprache bei Gott mir eine selige Sterbestunde erflehen werden, der ich mit großer Erwartung entgegensehe." Am 21. August 1991 hat ihn Gott zu sich gerufen.

Wenn ab heute dieses Berufskolleg den Namen "Nell-Breuning" trägt, dann beinhaltet dies ein Programm, das Lehrende und Lernende verflichtet. Lassen Sie mich abschließend einige Schwerpunkte für die Zukunft nennen:
 

  1. Ein vorrangiges Anliegen für unser Bildungswesen ist nicht nur eine intensive und auch breite Wissensvermittlung. Im Nell-Breuning-Berufskolleg - wie an allen Einrichtungen, die über die soziale Grundstruktur menschlichen Zusammenlebens reflektieren - kommt es auf die Sensibilisierung für soziale Aufgaben und Probleme an. Diese entstehen nicht nur in den Großunternehmen der produzierenden Industrie, sondern nicht weniger in den vielen Bereichen unserer modernen Dienstleistungsgesellschaft, auch in den kleinen Betrieben, Unternehmen und Geschäften. Die Sensibilisierung muß darauf gerichtet sein, die Defizite an Gerechtigkeit und Solidarität, die auch unter den modernen Formen des Zusammenarbeitens auftreten können und auftreten werden, rechtzeitig zu entdecken. Sie verlangt von allen, die eine Führungsposition einnehmen, ein soziales Verantwortungsprofil, erst recht dann, wenn Sand ins Getriebe kommt und sich Unzufriedenheit unter den Mitarbeitern breitmacht.

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  3. Die Grundwerte der Gerechtigkeit und der Solidarität sind die Angelpunkte der modernen Leistungsgesellschaft. Wenn man wissen will, was diese Grundwerte unter den sich verändernden Situationen beinhalten, muß man vor allem ein Menschen- und Gesellschaftsbild besitzen, das überzeugt. Das christliche Menschenbild, das am Anfang der Bibel uns den Menschen als "Bild Gottes" zeigt, hat die Kultur Europas geformt, den Boden, auf dem trotz allen Versagens, trotz aller Streitigkeiten und Kriege, trotz der unmenschlichen Herrschaft totalitärer Systeme die Einsicht gewachsen ist, daß jeder Mensch eine unantastbare Würde und Grundrechte besitzt, die ihm vom Schöpfer verliehen sind. Das christliche Menschenbild läßt keine Unterschiede zu zwischen dem Gesunden und dem Behinderten, zwischen dem Leistungsstarken und dem Leistungsschwachen, zwischen Mann und Frau. Vor allem wehrt es allen Versuchungen in einer Gesellschaft, utilitaristische Maßstäbe offen oder verdeckt einzufahren und den Menschen danach zu bewerten, was er mir oder der, Gesellschaft nützt. Keine Gemeinschaft, keine Gesellschaft und kein Parlament dürfen darüber verfügen, sie manipulieren, einschränken oder abbauen. Es wird darauf ankommen, dieses Menschenbild auch in den nachwachsenden Generationen zu stärken. Der Mensch ist nicht einfach Teil der Natur, Objekt des geschichtlichen Prozesses. Die Gleichheit aller Menschen darf uns nicht den Blick für die Einmaligkeit der Person jedes einzelnen Menschen verstellen, der von Gott ins Dasein gerufen ist und der eine ewige Bestimmung hat. Das bildete die innerste Triebkraft für das unermüdliche Schaffen Nell-Breunings.

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  5. Der Mensch ist vom Grunde seines Wesens her sozial, und die Gesellschaft läßt sich nicht auf eine Summe von Individuen reduzieren. Es sind die gemeinsamen Werte, die das Zusammenleben und Zusammenarbeiten der Menschen begründen. Dies bedeutet, daß wir uns nicht nur um die Würde und Grundrechte jedes Menschen kümmern müssen, sondern auch die Aufgabe haben, die Strukturen der gesellschaftlichen Lebenskreise aufzubauen und stets zu erneuern. "Der Mensch inmitten der Gesellschaft", die "menschliche Person als Ursprung, Träger und Ziel allen gesellschaftlichen Lebens" müssen wir im Auge behalten und dafür sorgen, daß unsere Gesellschaft nicht zu einer utilitaristischen Handelsgesellschaft wird. Die Sorge um gerechte Strukturen umfaßt die Produktionsbedingungen, die gerechte Verteilung der Güter und Dienste, auch des Produktiveigentums an die Menschen, auch den heute heftig diskutierten Umbau des Sozialstaats, so daß er seine Kernfunktion erfüllt, die Teilnahme und die Bereitschaft zur Verantwortung für die anderen.

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  7. Für Nell-Breuning was das soziale Engagement Ausfluß seines christlichen Glaubens, und er spürte während seines langen Lebens, wie sehr die Achtung der Würde und der Grundrechte des Menschen, wie sehr die mühsame Suche nach gerechten sozialen Strukturen davon abhängen, daß der Mensch im Glauben und im Bewußtsein um Gottes Schöpfungsordnung und Erlösungsordnung verankert bleibt. Beim heiligen Benedikt war es die Losung: Gebet und Arbeit, die das Ganze durchdringen sollte. Bei Nell-Breuning waren es Gerechtigkeit und Solidarität, in denen die Gesellschaft gründen muß. Dies ist der Auftrag Ihres Berufskollegs, junge Menschen heranzubilden, sie zu befähigen und sie dafür zu gewinnen, daß sie im christlichen Glauben stehen und bei der Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse mitwirken, so wie Gott sie haben möchte. Dies ist Ihre Verpflichtung, dies ist unser aller Aufgabe.